Wirmachenwelle: Wenn sich eine Sekunde wie eine Ewigkeit anfühlt

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06.03.2019

Marion Dorr ist im „normalen Leben“ Radiomoderatorin, unterstützt aber als ehrenamtliche Mitarbeiterin das Laureus Förderprojekt Wirmachenwelle, bei welchem Jugendliche aus Europa im Alter von 11-17 Jahren für mindestens ein Jahr, mittels Sport und insbesondere Surfen, gefördert werden. Außerdem setzt das Projekt pädagogische Momente, um gemeinsam über das Erlebte zu reflektieren und Gefühle zu kommunizieren. Hier schreibt sie über ihre Erfahrungen im und mit dem sozialen Surfprojekt.

Mit dem großen Van geht es für mich zum Lissaboner Flughafen, ich treffe sie alle zum ersten Mal: Kids und Betreuer aus Nürnberg, Hamburg, Österreich und Großbritannien. Sie sind endlich da, müde von der Reise und spürbar nervös. Mir geht es nicht anders. Doch sie alle haben Lust auf diesen Sommer und auf das wohl größte Abenteuer ihres Lebens. Ich treffe auf 40 junge Charaktere, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Doch ein gemeinsamer Wunsch vereint sie: Die Welle ihres Lebens zu reiten, im echten Leben, wie auch hier in Nazaré Portugal. Europas Hotspot für Surfer bietet diesen jungen Menschen eine ideale Kulisse, den Sport und sich selbst auf eine besondere Art zu entdecken. Eine Woche Surfcamp mit Spaß und Abenteuer – es ist der Höhepunkt einer langen und intensiven Vorbereitungsphase.

Quelle Sascha Wolters

Ende Juni 2018

Die Kids reisen an, mit einem Koffer voller Sorgen, Alltagsstress und Problemen. Gleichermaßen aber erfüllt mit Vorfreude und Lust auf Meer/Mehr. Manch einer fliegt zum ersten Mal, ungewohnt das fremde Land und die Trennung von Familie und Freunden. Viele neue Gesichter, sie schließen erste frische Bekanntschaften im eigenen Zimmer – es wird etwas dauern bis aus Fremden Freunde werden. Doch mit jedem Tag wachsen sie alle ein Stück mehr zusammen. Der Funke springt schnell über, das Team und die Kulisse machen es ihnen einfach anzukommen. Ihr Zuhause für die nächsten sieben Tage ist das Carsurf, idyllisch im Ferienort Nazaré gelegen, nur einen Katzensprung vom berühmten Leuchtturm entfernt.

Hier reiten sie die bis zu 25 Meter hohen Wellen – Sebastian Steudtner und die besten BigWave Surfer der Welt. Von den Großen lernen und ein Stück weit ihre Mentalität aufsaugen, die sie in all den Jahren geformt hat. Hier sind sie für sich, haben Platz, sich zu entfalten. Über allem steht die so wichtige “Wirmachenwelle” – Botschaft: Durchhalten statt Aufgeben! Sport als Türöffner, als eine Möglichkeit sich neu zu zeigen, sich auszuprobieren und die persönlichen Grenzen kennenzulernen und zu sprengen. Der Sport und das Meer sind dabei die wohl fairsten Duellpartner, denn die Arbeit zahlt sich aus, der verdiente Lohn ist garantiert.

Er ist von Beginn an ständig mit dabei: Sebastian Steudtner

Als wäre er einer von ihnen, der Neue in ihrer Clique. Sebastian übernimmt für diese jungen Menschen eine Vielzahl von Rollen: Er ist Bezugsperson, Freund und gleichermaßen Lehrer. Er, der international bekannte Sportstar, Botschafter und Werbeträger, Motivator und notwendiger Kritiker – ist eben von allem etwas. Es ist genau die Mischung, die es braucht. Was hier passiert ist klar: Sebastian gibt diesen Kids wieder Raum zum Träumen. Engagement, das sich auszahlt: In jedem Moment sind Kampf, Wille, Respekt und Anerkennung spürbar – im Wasser und außerhalb. Wie ist das möglich? Sebastian löst in diesen Kindern eine Geschichte aus. Weil er es “geschafft hat”, weil er “den Mut aufbringt”, weil er ihnen zeigt, was möglich ist! Er holt sie ab, als wäre er einer von ihnen, als würde er wissen, was genau sie jetzt hören wollen und was sie brauchen. Echt, authentisch, fordernd und mit schier endlosem Glauben an jeden Einzelnen.

Es ist das lang ersehnte “Finale”

Über Monate hinweg wurden die Jungsportler in ihren jeweiligen Städten vorbereitet: Nahmen Schwimmunterricht, bauten Skateboards, entdeckten als Standup-Paddeler das Wasser – lernten sich kennen – und durchliefen wichtige Stationen im Rahmen des Welle-Konzepts.

In Portugal lernen sie nun Surfen – von den Besten

Quelle Daniel Dostal

Ein hochprofessionelles Team steht den 40 Kids in jedem Moment zur Seite, sportlich, psychologisch, pädagogisch. Strotzend vor gnadenloser Ehrlichkeit, fordernd, verständnisvoll und mit stets spürbarer Menschlichkeit. Die Kids können sein, scheitern, schreien und lachen. Ein Raum mit Regeln, insbesondere am Strand und im Wasser – und doch gleichermaßen verbunden mit enormen Freiheiten. Ihr „Danke“ benötigt keine Sprache, es zeigt sich in ihrer Freude, im Dranbleiben und in ihrem sich öffnenden Geist. Spannend ist es hier täglich, beginnend mit täglichen Surfstunden am Strand von Nazaré. Vor jeder Einheit im Meer ziehen die Surflehrer los, überprüfen das Wetter und die Wellen, garantieren so stets perfekte Bedingungen. Der Strand ist fast menschenleer, viel Raum für Entfaltung, auch abseits der Surfboards. Rund 10 km entfernt lassen sich die Wellenreiter nieder und lernen nun von den Besten eine der faszinierendsten Sportarten.

Vor der ersten Strandfahrt zählt aber besonders eins – das Thema Sicherheit. Sebastian und sein Team nehmen sich viel Zeit, um die Gruppe auf alle notwendigen Gefahren und Regeln aufmerksam zu machen, ihnen aber gleichermaßen ihre Freude am Meer mit auf den Weg zu geben. Mit dem Neoprenanzug scheinen die Kinder ihre Rüstung in Händen zu halten. Der offensichtliche Schutz vor der Kälte und zugleich ihre neue zweite Haut, als würden sie sich Superheldenanzüge überziehen. Ein stärkendes Gefühl, wenn auch noch ungewohnt. Wohl auch die anfangs größte Herausforderung sich erstmals in das engste Kostüm ihres Lebens zu zwängen. “Ich seh‘ aus wie eine Presswurst” 🙂

Ab ins Wasser!

Die jungen Sportler wirken noch etwas verhalten, spürbar ihr Respekt vor dem ersten Date mit dem offenen Meer. Wenige Momente später geht‘s los, der finale Augenblick: Die jungen Surfer können sich kaum mehr halten, sie wollen ins Wasser – gemeinsam – “Hält mich der warm?!” Baywatch war gestern, dieser Moment hier hat den Lebensoscar verdient, für jeden Einzelnen. Denn diese Kids lassen nicht nur ihre trockene Kleidung, sondern auch den ganzen Ballast am Strand: Probleme, Schüchternheit, Ängste, überspielte Coolness usw. Ein Zeichen und los geht‘s: Ein Lauf – ein Team – alle zusammen – das Meer gehört nun ihnen, es fühlt sich vertraut an. Langsam und mit einer unglaublichen Geduld geht‘s nun ans Surfen, in kleinen Gruppen und in individuellen Schulungen wird den jungen Athleten alles beigebracht. Die ersten Trockenübungen am Strand – Paddeln, aufstehen, Position einnehmen – halten und wieder runter, paddeln, aufstehen, …immer wieder! Es erfordert viel Einsatz, Aufmerksamkeit und Geduld – eine ganz entscheidende Hürde für die Gruppe. Doch mit jeder neuen Stunde kommen sie ihrem Ziel näher. Jeder Kraftakt zahlt sich aus, mit jeder Meeresberührung werden sie ein Stück besser.

Quelle Sascha Wolters

Surfen ist ein Sinnbild für so vieles im Leben und diese jungen Menschen scheinen genau das zu spüren: Es braucht eine Weile, um auf dem Brett zu stehen, es braucht das unermüdliche Paddeln, das ständige Hinfallen und Wiederaufstehen. Doch wer investiert gewinnt! Der Glaube an sich, das Glück des Moments, das notwendige Wissen und den unglaublichen Willen es zu schaffen. Bis dieser Augenblick kommt und in dieser Sekunde scheint die Welt stillzustehen: “Hast du es gesehen, ich stand”. Das erste Mal, dieser so winzige Bruchteil ihres Lebens, scheint doch der Beginn von etwas Neuem, Großen zu sein. Einer nach dem anderen gewinnt sein Duell mit der Welle, reitet auf dem Board und wird eins mit dem Wasser. Jeder ein Held, energiegeladen und stolz schreiten sie aus dem Meer. Der Ausdruck in ihren Gesichtern hält keinem Vergleich stand, in ihren strahlenden Augen kann ihr Gefühl nur erahnt werden.

Wir Menschen haben eine unglaubliche Power, ähnlich wie das Meer und der Sport an sich. Manchmal braucht es die Erinnerung, ein Wachrütteln, um selbst wieder an die eigene Stärke zu glauben. Im Surfcamp von Nazaré treffen alle jene Komponenten aufeinander – was für eine explosive Mischung. 40 Kinder aus Deutschland, Österreich und Großbritannien erleben gemeinsam eine energiegeladene Woche voller bleibender Eindrücke. Warum es funktioniert? Weil das Meer echt ist, weil die Natur keine Fragen stellt. Ein unendlich großer Raum, der uns dennoch so viel Platz zugesteht und doch keinen Zentimeter für all die normalen Sorgen des Alltags übrig zu haben scheint. Wir erleben Angst, Spaß, Vorfreude, Ehrfurcht, Skepsis und die Bereitschaft, diesen Sommer in jeder Sekunde zu etwas Besonderem werden zu lassen.

Quelle Daniel Dostal

Der letzte Abend übertrifft alle Erwartungen

Es ist ein rauschendes Fest, mit portugiesischem Buffet, Tanz und ersten Abschiedstränen. Wir erleben stolze Kinder, die ihre Surfzertifikate wie Trophäen in den Händen halten. Worte und Tränen, die mehr über die Woche aussagen, als jeder Einzelne vorher hätte vermuten können. Junge Menschen, die weniger mit der Erkenntnis “Surfen zu können” abreisen, sondern vielmehr ein Gefühl von Bedeutung mit in den Flieger nach Hause nehmen. Denn wer sich der Kraft der Meere und voller Ehrfurcht den Bedingungen stellt, wird auch abseits seine perfekte Welle reiten. Jede Welle ist anders …wie jedes dieser großartigen Kids im Camp in Nazaré.

 

Weitere Informationen zu dem Projekt Wirmachenwelle sowie einen Film mit visuellen Eindrücken gibt es hier: https://www.laureus.de/foundation/wirmachenwelle/

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On März 6, 2019
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