Traumberuf Pilot Marcel Laureus Förderprojekt KICKFORMORE

Über einen, der es trotz Hürden geschafft hat

Blog

09.04.2018

Traumberuf Pilot:
Von der Hauptschule ins Cockpit

Marcel Mauz wird nach der Grundschule auf die Hauptschule geschickt. Damit verbindet er ein persönliches Versagen und glaubt, sein Traumberuf Pilot sei in weite Ferne gerückt. Dann aber kommt er in Kontakt mit KICKFORMORE, einem Projekt in Trägerschaft von KICKFAIR, das von der Laureus Sport for Good Foundation mitunterstützt wird. Dort lernt er seine eigenen Stärken kennen und übernimmt Verantwortung – nicht nur im Projekt, sondern auch in seinem Leben und macht eine Ausbildung zum Piloten.

Am Ende der Grundschulzeit habe ich von meiner Klassenlehrerin die Empfehlung bekommen, auf die Hauptschule zu gehen. Dort kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit KICKFORMORE. Jugendliche aus dem Projekt sind zu uns in die Klasse gekommen und haben vom Straßenfußball erzählt und dass sie mehrere Turniere planen – und uns angeboten, dass wir daran teilnehmen könnten.

Als ich dort zum Turnier kam, war das ein Hammer: Etwas völlig anderes als Vereinsfußball. Es war auf einem Kleinfeld, es gab gemischte Teams, in jeder Mannschaft spielte mindestens ein Mädchen mit, es gab drei Regeln, die man vor dem Spiel vereinbart und anschließend ausgewertet hat. Das war neu und irgendwie auch komisch für uns, aber wir haben uns darauf eingelassen und nicht nur dieses, sondern auch die folgenden Turniere mitgespielt.

Laureus Förderprojekt KICKFORMORE - Soziale Sportprojekte

Der Fairplay-Gedanke und die Straßenfußballmethode an sich wurden sehr schnell völlig selbstverständlich für uns. Und so habe ich mich vom Spieler zum Teamer entwickelt. Teamer sind die Spielbeobachter, die gemeinsam mit den Teams die individuellen Regeln festlegen und anschließend beim Spiel die Geschehnisse beobachten und notfalls eingreifen, denn wir spielen ja ohne Schiedsrichter.

Dafür gab es eine Schulung, die von älteren Jugendlichen geführt wurde. Wir haben gelernt, wie man mit Konflikten umgeht und Diskussionen anleitet. Die letzte Stufe war dann, selbst Turniere zu organisieren und anzuleiten.

 

Neue Menschen, neue Freunde

Zu Beginn hat man viel mit seiner eigenen Klasse zu tun. Wir alle haben gemeinsam an den ersten Turnieren teilgenommen und sind dort auf andere Schüler aus unserer Schule getroffen. Aus Mitschülern wurden so Freunde, da wir auch in der Freizeit etwas zusammen unternommen haben, nämlich bei KICKFORMORE Fußball zu spielen und uns im Projekt zu engagieren. Mein Banknachbar von damals ist übrigens auch immer noch bei KICKFAIR dabei.KICKFORMORE Fair Play - Traumberuf Pilot

Außerdem haben wir die älteren Jugendlichen getroffen, die bereits länger Teil des Projekts und damit schon Teamer oder Turnierorganisatoren waren. Sie haben uns angeleitet und motiviert. Sie haben keine Vorgaben gemacht, sondern nur Möglichkeiten eröffnet und den Rahmen gesteckt, in welchem wir unsere individuellen Ideen entwickeln und auch mal Fehler machen konnten, aus denen wir gelernt haben. Sie haben uns etwas zugetraut und kannten teilweise aus eigener Erfahrung die Vorurteile, die man gegen Hauptschüler hat.

 

Ein Weg zu neuem Selbstvertrauen

Das Entscheidende für mich war Selbstvertrauen. Ich habe gelernt, dass ich etwas schaffen kann, obwohl ich auf der Hauptschule war. Von Hauptschülern wird oft nicht viel gehalten, es impliziert ein negatives Bild, man kämpft mit dem Vorurteil, man wäre einfach zu faul für die Schule. Oft übernimmt man dann das negative Bild und glaubt selbst nicht an sich.

Das Projekt aber hat mir gezeigt, dass ich etwas aus meinem Leben machen und vorankommen kann. Es hat mir geholfen, an mich zu glauben und ich habe gelernt, wie wichtig es ist, in einem Team zu arbeiten. Im Projekt begegnen sich alle auf Augenhöhe, wir hören einander zu und verfolgen dasselbe Ziel. Und im Team arbeiten zu können ist auch für den Beruf später essentiell.

Außerdem hat sich mein Weltbild verändert. Mit 15 hatte ich mit Jugendlichen aus verschiedenen KICKFAIR-Projekten gemeinsam die Möglichkeit, ein KICKFAIR – Partnerprojekt in Argentinien zu besuchen. Das war unglaublich, in dem Alter die Chance zu haben, einen anderen Kontinent zu besuchen und die Menschen dort kennenzulernen.

Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, über den Tellerrand hinauszuschauen, sich sein eigenes Bild zu machen und diese Gelegenheit zu nutzen, um nicht nur mehr über die Menschen dort, sondern auch über mich selbst zu lernen.

 

Erfahrungen sammeln, Erfahrungen weitergeben

Heute ist es für mich immer wieder schön zu sehen, wie sich die anfängliche Überraschung der neuen Teilnehmer in eine Begeisterung über die Straßenfußballmethode und den Fairplay-Gedanken wandelt, denn genauso ging es mir damals selbst. Das ist der erste Schritt für die Jugendlichen, den Fairplay-Gedanken auf dem Spielfeld zu leben, dann übertragen sie es auf das gesamte Turnier, auch abseits des Matches und schließlich auf ihr gesamtes Leben.

Und es gibt eine Situation, an die ich immer wieder zurückdenken muss: 2011 bin ich gemeinsam mit anderen Teamern aus dem Projekt nach Israel geflogen und habe dort die Teamer aus dem israelisch-palästinensischen KICKFAIR – Partnerprojekt besucht, die kurz zuvor in Stuttgart an einem unserer Turniere teilgenommen haben.

Ich habe mich sehr auf die Chance gefreut, die israelischen Teilnehmer wiederzusehen. Dort wurde ich abends von einer Teilnehmerin zum Sabbat-Dinner eingeladen. Ich war sofort Teil der Familie, durfte mich an den Tisch setzen und an diesem religiösen Abendessen teilnehmen, obwohl ich aus einem anderen Land und Umfeld kam. Ich wurde so herzlich und mit offenen Armen aufgenommen, das war sehr bewegend für mich.

Wir haben keine Konflikte erlebt im Sinn von politischen Spannungen und Diskussionen. Wir haben uns als Menschen und Freunde getroffen und nicht als Israelis, Palästinenser und Deutsche.

Auch diese Begegnung hat mir wieder gezeigt, dass es nicht nur um Sport und Fußball geht. Der Fußball hat uns zusammengebracht und zu Freunden gemacht, aber wir waren auch noch Freunde, wenn kein Ball in der Nähe lag. Ich habe immer noch Kontakt zu den Projektteilnehmern aus Israel und Palästina und wir gratulieren uns über Facebook zum Geburtstag.

 

Traumberuf Pilot: Von der Hauptschule ins Cockpit

Von der Hauptschule zum Traumberuf Pilot - Marcel KICKFORMOREWährend meiner Schulzeit habe ich es immer so empfunden, dass Hauptschüler mit einem Stigma behaftet sind. Sie werden mit Problemen, Schwierigkeiten und Faulheit in Verbindung gebracht. Das ist abwertend und erschwert es einem, selbst den Blick auf sich zu wechseln.

Umso wichtiger waren die älteren Jugendlichen aus dem Projekt, die diese Entwicklung schon durchlaufen haben und eine Art Vorbilder für mich waren. Gerade der Anfang ist wichtig: Das Projekt hat mir Selbstvertrauen gegeben und das hat sich dann zu einer Art Selbstläufer entwickelt. Die Erfolge, die sich dann einstellen, tragen einen weiter zum nächsten Ziel. Ich habe gemerkt, dass ich etwas erreichen kann, wenn ich mir Ziele setze, dass ich mir selber und auf meine Stärken vertrauen kann. So habe ich es schließlich geschafft, mich bis zum Abitur hochzuarbeiten.

Und dann gab es diese Idee vom Fliegen. Den Traumberuf Pilot hatte ich schon lange. Aber mit der Hauptschulempfehlung war es natürlich schwierig, daran noch zu glauben. Durch das Projekt aber wurden die Schullaufbahn und dann auch mein Traum möglich: Ich absolvierte die Pilotenausbildung der Lufthansa und fliege nun für Austrian Airlines.

 

Glaube an sich selbst als Schlüssel

Diese positiven Erfahrungen möchte ich an andere Jugendliche weitergeben. Ich sehe mich nicht als Vorbild, sondern als Mentor. Nicht alle müssen genau den gleichen Weg gehen wie ich. Wichtig ist, dass sie sehen, dass so ein Weg möglich ist. Ich geben ihnen mit, dass sie es schaffen können und ihren Traum verfolgen sollen, aber was genau sie machen oder welchen Weg sie einschlagen, ist individuell und ihnen überlassen.

Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickelt. Jeder schreibt die Geschichte des Projekts ein bisschen weiter und bringt neue Ideen ein. Im Nachhinein bin ich auch nicht böse auf meine Klassenlehrerin. Damals war die Hauptschulempfehlung natürlich niederschmetternd, aber eigentlich hätte mir nichts Besseres passieren können, denn sonst hätte ich nie den Kontakt zu KICKFAIR und diese Chancen mit KICKFORMORE bekommen.

Ich kann nur jedem, der auf der Hauptschule ist, empfehlen:

Seht es nicht als Last, sondern als Chance, Euch zu beweisen. Man kann trotzdem viel erreichen. Ich weiß es!

 


Autor: Marcel Mauz arbeitete sich von der Hauptschule über die Realschule zum Gymnasium hoch, das er 2011 mit dem Abitur abschloss. Er absolvierte seine Ausbildung bei der Lufthansa, fliegt heute für Austrian Airlines und hat so seinen Traumberuf Pilot zur Realität gemacht. Nebenbei engagiert er sich noch immer beim Laureus Förderprojekt KICKFORMORE, zu dem er 2005 als Hauptschüler stieß.

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