Tom Jansen: "Ich bin stolz auf meine Jungs!"

Allgemein, Blog

24.06.2015

Was ist Kick im Boxring?
Träger unseres Projekts ist der Verein für Jugend- und Sozialarbeit. Wir nutzen Sport als Medium für die soziale Arbeit – und Schwerpunkt dabei ist der Boxsport. Wir haben uns die Frage gestellt: Warum wollen Jugendliche boxen? Allein mit der Motivation, die die meisten haben, können wir schon total viel erreichen – die kommen zu uns und merken erst mal gar nicht, dass wir mit ihnen arbeiten, sondern kommen hauptsächlich wegen dem Sport. Weil sie kämpfen wollen. Da können wir schon ganz gut sehen, wie sie ticken: Sind sie aggressiv, haben sie wenig oder zu viel Selbstbewusstsein, sind sie eher Opfer oder Täter? Das sind Geschichten, die wir sehr schnell erkennen und damit arbeiten wir.

Wie ist das Projekt entstanden?
Wir sind 2007 aus dem Projekt KICK on Ice heraus entstanden. Laureus hat angefragt, ob wir noch ein zweites Projekt machen könnten, und da ich aus dem Boxen komme war das einfach naheliegend. Derzeit haben wir fünf Stützpunkte in Berlin, alle in Brennpunkten wie Marzahn oder Neukölln. Da beschäftigen wir verschiedene Trainer, die unser pädagogisches Konzept umsetzen. Wir wollen nicht primär Boxweltmeister hervorbringen, sondern in erster Linie mit dem Aspekt „Warum wollen denn die Jungs boxen“ arbeiten. Und dadurch gemeinsam eine Entwicklung erreichen.

Kannst du das näher erklären?
Wenn man das Wort Boxen hört, hat man sofort ein Bild im Kopf. Und das haben die Kids ja genau so – weil sie im Fernsehen Mike Tyson als Vorbild sehen. Wenn die Teilnehmer anfangen müssen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, um Bewegungsabläufe zu lernen, wird sehr schnell sichtbar, wo die Frustrationsgrenze ist. Wir fragen sie: Warum wollt ihr Boxen, was ist Euer Ziel? Wenn die Kids dann vier, fünf Wochen dabei sind, merken sie, dass sie ganz viele Dinge immer wiederholen und perfektionieren müssen – und dann kommt irgendwann die Selbstreflexion: Was mache ich denn falsch? Und genau dann geht es nicht mehr darum, den anderen schlagen zu wollen, sondern eher darum, die Aufgaben, die wir vorgeben, umzusetzen.

Boxen ist also nicht der eigentliche Schwerpunkt Eures Projekts?
Sportlich gesehen schon. Aber neben dem Boxen legen wir auch ein ganz großes Augenmerk auf die soziale Entwicklung der Jugendlichen: Wie läuft es schulisch, wie ist das Familienumfeld, was sind Talente, Ressourcen, Stärken? Wir wollen vor allem die Stärken fördern, denn es ist ja so: Ich kann nicht alles machen, man kann nicht an allem gleichzeitig arbeiten. Klar ist aber: Wenn es ein schulisches Defizit gibt, dann muss das durch Nachhilfe ausgeglichen werden. Daher versuchen wir auch, sie durch das Projekt zu motivieren. Es hilft, dass sie fitter werden, dass sie mehr an sich glauben, dass sie mehr Respekt vor sich selbst, aber auch vor den anderen haben.
Unsere Trainer wissen alle, dass es bei uns keinen Drill, kein Bootcamp und keinen Erfolgszwang gibt, sondern dass es um das große Ganze geht. Der Fokus ist, den Kids alles mitzugeben, damit sie auch im wahren Leben klarkommen.

Welche Kids sind bei Euch im Projekt dabei?
In unserem Hauptsitz in Neukölln haben wir 70 Jugendliche zwischen 8 und 25 Jahren aus 16 Nationen, die dreimal die Woche unter einem Dach trainieren. Und das ist uns auch wichtig – die Kulturen versuchen ja immer sich zu separieren und das wollen wir aufbrechen. Wir sagen ganz klar: Politik hat hier nichts zu suchen, Religion auch nicht, und wir sprechen auch alle Deutsch miteinander. Da kommen dann gern mal spontan so Sprüche wie „Warum denn, bist du Nazi?“, gerade von Kids, die so sozialisiert wurden. „Du Kartoffel“ und „Iiih, du isst Schwein“ – und dann fragen wir sie eben: „Warum ist das denn so? Und warum wollen wir, dass ihr alle, auch untereinander, Deutsch sprecht?“ Da fällt ihnen dann erst mal nix ein, aber die Kids die schon länger dabei sind, sagen dann: „Na, damit es hier weniger Stress gibt. Damit wir uns alle besser verstehen.“

Klappt das mit dem Deutsch?
Auf lange Sicht schon. Und es hilft natürlich auch wirklich beim Deutschlernen, bei der täglichen Kommunikation. Wenn einer der Jugendlichen zu mir kommt und sagt: „Handschuhe!“, dann schicke ich den so oft wieder raus, bis er mich in einem ganzen Satz um ein Paar Handschuhe bittet. Manchmal muss ich die viermal wieder rausschicken, manchmal fragen sie die anderen um Hilfe, aber im Endeffekt kriegen sie es alle hin.

Wie ist denn das Interesse und die Akzeptanz bei den Eltern?
Mittlerweile echt gut, da sind einige sehr interessiert. Das war nicht immer so, manche haben sich erst einmal gar nicht blicken lassen, aber wir haben sie dann immer stärker aufgefordert. Die steigende Akzeptanz kommt auch daher, dass wir einen guten Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kids haben. Es schauen oft Lehrer vorbei, die von dem Projekt gehört haben, und so wächst der Kontakt, die Vernetzung und auch die Transparenz: Ich weiß plötzlich, wie die in der Schule sind. Ich kann den Teilnehmern sagen: „Hey, wenn du bei uns boxen willst, dann müssen deine schulischen Leistungen besser werden!“ Sprich – halbjährliche Zeugnisse landen bei mir, vor allem bei Fällen wo ich weiß, da muss ich ein Auge drauf haben. Wo es nötig ist, bieten wir einmal die Woche Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe an. Wenn sie da nicht hingehen, dann dürfen sie nicht trainieren. Wenn dir das Boxen wichtig ist, dann musst du dahin gehen! Das gesamte Paket muss stimmen! Geh‘ dahin, konzentrier‘ dich, schau‘ nicht aufs Handy, und schwups ist die Stunde rum – und du hast auch noch was mitgenommen! Da ist auch das Feedback der Lehrer echt gut: Die Kids werden fokussierter und motivierter.

Was ist für Dich das größte Erfolgserlebnis?
Das ist beidseitig: Für die Kids ist es das Gefühl „Boah, ich kann das jetzt!“ – und für mich die Freude oder der Stolz, dass unter anderem durch unser Zutun Jungs von der Hauptschule ihr Fachabi machen. Das ist schon toll! Aber das ist natürlich auch viel Verantwortung: Wenn du deren Vertrauen enttäuschst, ist es richtig schlimm. Und da lerne ich auch selber noch! Und das kann ich den Kids auch mitgeben: „Hey, ich mache auch nicht immer alles richtig. Ich mache auch mal Fehler. Aber ich lerne eben auch noch, ich bleibe neugierig, und will mich weiterentwickeln.“ Und das bleibt auch haften! Für mich ist es einfach so: Wenn auch nur einer erfolgreich ist, weil er bei uns mitgemacht hat, dann war es das wert. Es sind immer mehr, die einen höheren Schulabschluss erreichen, die zum Projekt zurückkehren und mir das erzählen, auch wenn sie schon zwei Jahre aus dem Projekt draußen sind, einfach nur weil sie stolz auf sich selbst sind. Und das bin ich auch.

Autor:
Tom Jansen ist seit 2007 Projektleiter und Trainer im Berliner Laureus Projekt KICK im Boxring. Über den Sport bringt er den Kids Respekt, Disziplin und Selbstwertgefühl bei und stärkt sie so für ihren oft schwierigen Alltag. Die größte Motivation für seine tägliche Arbeit ist der Erfolg seiner Schützlinge – nicht im Boxen, sondern im Leben.

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On Juni 24, 2015
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