Laureus Schneetiger: Integration statt Ausgrenzung

Allgemein, Blog

25.03.2015

Interview mit Thorsten Gegenwarth

Worum geht es bei Euch im Projekt?
Die Grundidee der Laureus Schneetiger ist es, den Schneesport als Motivation zur Veränderung zu nutzen. Unser Ansatzpunkt ist zum Beispiel Bewegungsmangel, Behinderung oder soziale Ausgrenzung. Unser Ziel ist nachhaltige Kompetenzsteigerung, eingebettet in die unmittelbare soziale Umgebung: Schule, Familie oder Peer-Group. Der Wintersport hat zum einen in Österreich einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, zum anderen ist er aber mittlerweile mit so hohen Kosten verbunden, dass viele Bevölkerungsgruppen ihn sich gar nicht mehr leisten können. Das war für uns der Aufhänger zu sagen, wir wollen all die auf die Piste bringen, die dazu aufgrund fehlender Voraussetzungen z.B. finanziell nicht in der Lage sind – und diejenigen, die durch eine Behinderung so einen großen Aufwand hätten, dass Eltern oder eine Schule von nebenan den nicht so einfach leisten können: Einerseits weil sie das Equipment nicht haben oder entsprechend ausgebildete Fachkräfte und andererseits weil das grundsätzliche Know-How fehlt. Genau da setzen wir an, indem wir Ausrüstung und Trainer stellen und auch die Organisation im Vorfeld übernehmen.

Wie sind die Laureus Schneetiger entstanden?
Die Ursprünge der Schneetiger gehen zurück auf das Jahr 2011. Damals wurden wir für einen Skikongress in St. Anton am Arlberg angefragt ein Workshop-Konzept zu entwickeln, mit dem es gelingt, eine integrative Schulklasse in drei Stunden auf den Schnee zu bringen. Gemeinsam mit den Kinder, einzelnen Eltern, Workshop-Teilnehmer und uns als Trainer war es ein solcher Erfolg, dass wir uns überlegt haben, die Idee auszubauen. Mit einem Konzept sind wir dann an die Laureus Sport for Good Stiftung herangetreten. Gestartet haben wir mit einem Pilotprojekt mit 60 Kindern. Nach zwei Jahren waren es dann schon 120 Kinder und heute haben wir 125 Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf aus sechs Schulen in drei österreichischen Bundesländern im Projekt.

Wer macht bei Euch mit?
Unsere Teilnehmer sind Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 20 Jahren, wobei die meisten zwischen 8 und 12 sind. Das sind Kids aus Sonderpädagogischen Zentren und inklusiven Schulen, teilweise mit körperlichen Behinderungen, teilweise mit sozial schwachem Background. Zusammengefasst Kinder mit schwierigen Startbedingungen in unserer Gesellschaft. Gerade Wien als Zwei-Millionen-Stadt hat klassische Probleme wie überall in Europa: Jugendarbeitslosigkeit, soziale Isolierung, Digitalgesellschaft, Kinder, die ohne Eltern oder andere Betreuung die Nachmittage verbringen müssen… Für die organisieren wir einmal pro Woche ein Training in der Schule. Wir kooperieren dort mit Sportlehrern, um auch neue Unterrichtselemente in den Schulen zu etablieren. Trainiert werden hier Sozialkompetenzen, aber auch die Fähigkeit zur Bewegung.

Warum ist dieses zusätzliche Training notwendig?
Reicht der Schulsport nicht aus?
Erschreckenderweise haben wir festgestellt, dass immer mehr Schulkinder sportbefreit sind. Die Bildungsstandards in Österreich sind extrem heraufgeschraubt worden, auch beim Sport – und es gibt immer mehr Kinder, die aufgrund der Bewegungsarmut in ihrer Freizeit diese Standards einfach nicht mehr schaffen. Die haben dann eine Sportbefreiung, sitzen am Rand und schauen zu, haben zusätzlich oft auch massive Ernährungsprobleme – und wir versuchen dann eben, sie langsam wieder „in Bewegung“ und in weiterer Folge auch zum Sport zu bringen. Einfach durch Bewegung. Wir bringen zwei, drei Trainer in den regulären Sportunterricht mit. Dann hat plötzlich nicht mehr ein Lehrer 30 Kinder zu betreuen, sondern die Klasse wird von bis zu vier Personen angeleitet, sodass die Trainer natürlich ganz anders auf die einzelnen Kinder eingehen können. Wir haben immer auch eine Physiotherapeutin dabei, die auf Haltungsschäden und ähnliches achtet und die Lehrer dahingehend unterstützt. Und sobald dann Schnee liegt veranstalten wir drei bis vier Schneetage pro Saison.

Wie sehen eure Schneetage aus?
Wie viele Teilnehmer sind da mit Euch auf den Pisten unterwegs?
In der Regel haben wir an vier Tagen die Woche jeweils 30 bis 35 Kindern auf der Piste, die – je nachdem was die Kinder dieser Gruppen an Material und Unterstützung brauchen – ein für sie passendes Angebot nutzen können. Jede Gruppe hat also einen Schneetag im Monat, an dem wir mit den Kids Ski, Snowboard und Skibob fahren, und zum Abschluss gibt’s dann noch die Schneewoche im Kaunertal. Die findet in einem komplett barrierefreien Vier-Sterne-Hotel statt. Das ist natürlich auch gerade für die Kids aus sozial schwächeren Familien ein absolutes Highlight –und auch wieder absolut inklusiv.

Wie wirkt sich die Aktivität im Schnee auf die Inklusion aus?
Enorm! Sobald wir im Schnee sind und alle die richtige Ausrüstung für ihre Bedürfnisse haben, findet eine totale Veränderung in der Klassengemeinschaft statt. In Schulen ist es ja oft so: Der Pausengong geht, alle springen auf, rennen raus, und der Rollstuhlfahrer muss erst mal auf den Aufzug warten. Aber sobald die Kids und Jugendlichen auf ihren Skibobs sind, können sie gleich schnell mit ihren Klassenkameraden die Piste herunterfahren. Der Lernweg vom Rollstuhl in den Skibob ist meist auch viel kürzer als der von Fußgängern aufs Snowboard und die Ski, und das bringt auch oft einen hohen Stellenwert in der Klasse mit sich: Die, die sonst „die Letzten sind – sind plötzlich die Ersten im Schnee!“

Wie ist bei Euch das Verhältnis zu den Eltern der Teilnehmer?
Bekommt Ihr von ihnen viel Unterstützung?
Das ist natürlich ganz unterschiedlich. Es gibt auch bei den sozial schwächeren Familien sehr bemühte Eltern, aber es gibt eben auch Kinder die mit elf Jahren alleine zum Treffpunkt für die Schneewoche kommen. Oder vorher die ganze Nacht nicht schlafen können, weil sie Angst haben, sie wachen nicht rechtzeitig auf, weil sie keiner weckt. In der Regel sind gerade die Eltern der Kinder mit Behinderung meist sehr dahinter her, dass ihre Kinder bei uns aktiv sind, weswegen wir auch angefangen haben, Eltern-Tage zu organisieren. Da können die Eltern mitkommen und auf die Skibobs eingeschult werden. Nächstes Jahr wollen wir dann auch Equipment verleihen, sodass die Eltern nach der Schulung auch alleine mit ihren Kids fahren gehen können.

Wie hilft euch Laureus im Projekt?
Wir hatten vorher lange versucht, mit den Verbänden in Österreich zu kooperieren – was eigentlich fast unmöglich ist, weil die Vereine und Verbände sehr auf Leistungssport und sehr wenig auf Breitensport fokussiert sind. Mit Stiftungen zusammenzuarbeiten ist in Österreich einfach noch nicht so verbreitet, wir hatten da keinerlei Erfahrungswerte. Aber nach drei Jahren Zusammenarbeit mit Laureus, gerade auch nach dem Laureus Jugendcamp im Februar [Backlink?], können wir sagen: Bei der Laureus Stiftung steckt einfach sehr viel dahinter. Da gehen plötzlich Türen auf, die sonst zu sind, und vor allem: Die Leistung zählt nicht bei Laureus. Das gemeinsame Motto „Gesellschaftliche Veränderung durch Sport“ wird hier als förderungswürdig angesehen. Sonst musst du Medaillen nachweisen, Wettbewerbe veranstalten… und hier geht es um die Basis im Sport: Die Bewegung, das gemeinsame Tun, den Spaß daran und miteinander.

Was gibt dir das Gefühl, dass sich eure Arbeit lohnt?
Unser Hauptziel ist es, nachhaltig zu arbeiten. Unsere Kids verbleiben bis zu zwei Jahre bei uns im Projekt, und wir arbeiten sehr eng mit den Schulen und Bildungsträgern zusammen, damit unsere Arbeit nach diesen zwei Jahren weitergeführt wird. Nachhaltigkeit nach zwei Jahren zu messen ist natürlich schwierig, aber es gibt Elemente, die in dieser Zeit schon wahnsinnig gefördert werden können: Es entstehen neue Freundschaften, die Kinder mit Migrationshintergrund verbessern sich sprachlich enorm und es gelingt uns, auch über unser Projekt hinaus Anknüpfungspunkte für sie zu schaffen. Einen 15-jährigen Jungen aus Afghanistan konnten wir nun an einen klassischen Fußballverein in Österreich vermitteln. Aber unsere Arbeit lohnt sich auch für jedes einzelne Flüchtlingskind voller Sorgen und Nöte, das nach einem Schneetag mit uns einfach mal glücklich sein kann – das ist jedes Mal ein echtes Erfolgserlebnis. Oder auch die sozial schwachen Kinder, die auf unserer Schneewoche vier Tage lang einfach mal weg aus ihren schwierigen Familienverhältnissen sind und einfach mal Kind sein dürfen. Viele der Kids müssen jeden Tag viel erwachsener sein als sie eigentlich sind, und in der Zeit mit uns lernen sie einen wertschätzenden respektvollen Umgang kennen – aber eben auch einfach mal altersgemäßes Verhalten.

 

Autor:

Thorsten Gegenwarth (MBA Projektleiter Laureus Schneetiger). Für mich ist es seit Jahren ein Anliegen, Kindern und Jugendlichen mit Handicaps den erschwerten Zugang zum Wintersport zu ermöglichen. Seit 10 Jahren entwickeln, planen und gestalten wir Projektwochen für Kinder und Jugendliche mit Benachteiligung. Mittlerweile nehmen pro Jahr fast 400 begeisterungsfähige SportlerInnen unsere Angebote in Anspruch. Als Projektleiter der Schneetiger bin ich mit 125 begleiteten Kindern seit drei Jahren Teil der „Laureus Familie“. Zusammenfassend ist mir immer noch die Freude jedes Kindes; sein Lächeln nach einem aktiven Tag am Schnee, mit das Wichtigste überhaupt – Motivation und Auftrag zugleich.

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On März 25, 2015
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