Gedanken zum internationalen Tag gegen Rassismus

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20.03.2020

Martin Hyun reflektiert zum internationalen Tag gegen Rassismus seine Eindrücke, die er bei den Laureus World Sports Awards sammeln konnte. Als Sohn südkoreanischer Gastarbeiter konnte der ehemalige Profi-Eishockeyspieler die Rede von Lewis Hamilton bezügliche ethnischer Vielfalt und den Wandel der (sportlichen) Gesellschaft bestens nachvollziehen. Seine Gedanken und wie er über den von ihm gegründeten Verein Hockey is Diversity diesen Wandel bereits seit 10 Jahren unterstützt, teilt er uns in seinem Blog-Beitrag mit.

Die Laureus World Sports Awards in Berlin liegen nun einige Wochen zurück. Es war ein unvergesslicher und inspirierender Abend gewesen. Dirk Nowitzki, Katarina Witt, Oksana Masters, Luis Figo – die Liste der Weltsportstars war lang. Wer vor Ort war konnte die Aura von Größe dieser Stars spüren. Ich war beeindruckt von der Ausstrahlung, die diese Sportler versprühten, die einem das Gefühl gaben, dass auch du selbst groß werden kannst, wie ich es auf anderen Veranstaltungen so noch nie erlebt hatte. Viele tolle Reden wurden gehalten. Doch die von dem Formel 1 Fahrer Lewis Hamilton, der zum Weltsportler des Jahres gekürt wurde, stach für mich heraus. „Ich bin in einer Sportart groß geworden, die wenig Erfahrung mit ethnischer Vielfalt hat, und ich denke, es ist ein Thema, mit dem wir weiterhin konfrontiert werden. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Plattform zu nutzen, um wirklich auf die Gleichstellung der Geschlechter und auf Inklusion zu drängen und sicherzustellen, dass wir uns engagieren und versuchen zu repräsentieren, wo die Welt heute steht!“, sagte Hamilton.

Wie Hamilton bin auch ich in einer Sportart aufgewachsen die wenig Berührung mit ethnischer und kultureller Vielfalt hat. Eishockey gilt heute immer noch als Sport der Weißen. Auch wenn es dem Sport selbst immer um Inklusion ging. Als Sohn südkoreanischer Gastarbeiter war mein Weg in die Eishockeywelt nicht selbstverständlich. Es war mehr als ein Zufall, dass alles so gekommen ist. Doch als Pionier und Exot sind Hürden, Verwirrungen und Vorfälle schon vorprogrammiert. Nach dem Mauerfall hagelte es rassistische Schmährufe: „Schlitzauge“, „Reisfresser“, „Fidschi“ oder „Spiel doch auf dem Reisfeld!“ sind nur einige Begriffe die gegen mich gerichtet wurden. In einem vollen Stadion in Augsburg riefen gegnerische Fans „Nasi Goreng“ aus den Rängen und lachten lauthals dabei. Ein einprägendes Erlebnis. In Wolfsburg wurde ich auf dem Weg zur Mannschaftskabine angehalten und von zwei Sicherheitsleuten befragt, was ich den für eine Rolle im Team habe, weil sie sich einen Asiaten nicht als Eishockeyspieler vorstellen konnten. Als ich mit 16 Jahren zu einem internationalen Turnier nach Kanada mit der Junioren Nationalmannschaft Deutschlands flog, fragte mich der Zollbeamte in Frankfurt ob ich zu einem Tischtennisturnier reisen würde.

Wir sind im 21. Jahrhundert angelangt – immer noch gibt es Athletinnen und Athleten die ethnische Barrieren in weißen Sportarten durchbrechen. Mit ihrer Präsenz und Pionierarbeit beschleunigen sie den Normalisierungsprozess der interkulturellen Öffnung der sonst als homogen betrachteten Sportart. Und genau das ist wovon Lewis Hamilton in seiner Rede sprach: „[…] versuchen zu repräsentieren, wo die Welt heute steht!“. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, Menschen, Kindern, Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder aus sozialschwachen Familien Zugang zu solchen Sportarten zu ermöglichen, die vielleicht nicht typisch sind für sie. Keine Sportart kann es sich in einer Einwanderungsgesellschaft leisten sich abzuschotten. Laureus Sport for Good leistet hier großartige Arbeit und das weltweit.

Im Jahr 2010, fünf Jahre nach Ende meiner aktiven Eishockeylaufbahn und aufgrund meiner Erfahrungen, die ich als koreanischstämmiger Spieler erlebt habe, gründete ich mit meinem Freund Peter Goldbach den Verein Hockey is Diversity. Mit dem Verein wollten wir die nächste Generation Eishockeyspieler ermutigen ein Umfeld zu schaffen in der alle Nationalitäten willkommen sind, ihre Rolle als Botschafter unseres Sports nicht nur auf das sportliche zu beschränken, sondern sich in die Gesellschaft einzubringen, nach dem Motto „lead by example“ und Vorurteile zu durchbrechen. Seit fünf Jahren organisieren wir gemeinsam mit den Eisbären Juniors Berlin unser hochkarätiges internationales Hockey is Diversity U17 Turnier in Berlin. Spitzenteams wie Sparta Prag (Tschechien), Växjö Lakers (Schweden), ZSC Lions (Schweiz), HS Riga (Lettland), Red Bulls Salzburg (Österreich) und viele weitere haben in den vergangenen Turnieren teilgenommen. Schon vor der Vereinsgründung haben wir Schulen an Sozialbrennpunkten besucht um mit den Kids über „off-ice“ Ziele bzw. Lebenswege zu diskutieren und auch mit Menschen in Verbindung zu bringen die eine ähnliche Vita vorzuweisen haben, es aber mit Einsatz, Ausdauer und Disziplin geschafft haben. Wir beteiligen uns an „Kids on Ice“, „Refugees on Ice“ und „Girls on Ice“ Days indem wir jene an unsere Sportart heranführen. Am internationalen Kindertag und zu Heiligabend besuchen wir mit ehemaligen und aktuellen Profisportlern, Kinderkliniken um den Kids eine Freude zu bereiten. Mit unserem Kooperationspartner die Hofer Eishärnla organisieren wir jährlich ein Charityspiel zu Gunsten dem Schutzhöhle e.V. – ein Verein der sich für die Belange missbrauchter Kinder einsetzt. Hier konnten wir in den Jahren einen fünfstelligen Betrag einspielen. In den letzten zwei Jahren konnten wir mit unseren Freunden der amerikanischen Punk-Rock Band aus Pittsburgh Anti-Flag zwei Charityspiele gegen Rassismus organisieren. Hier konnten wir Menschen zusammenbringen die sich im Alltag sonst nicht im Stadion begegnet wären – Punk meets Hockey.

Wie Lewis Hamilton es in seiner Rede unterstrich, liegt es in unserer aller Verantwortung, unsere Plattform dafür zu nutzen, um für Gleichberechtigung und Inklusion zu kämpfen.

In diesem Jahr feiern wir mit Hockey is Diversity unser 10-jähriges Jubiläum. In diesen Jahren haben wir viel erreicht, Kids inspirieren können, geholfen, unterstützt, Bewusstsein geschaffen, einige Vorurteile durchbrochen und Unterstützer gewonnen. Heute am 21. März begehen wir den internationalen Tag gegen Rassismus. Rassismus tötet – das haben wir erst kürzlich in Hanau gesehen. Mehr denn je müssen wir heute aufstehen und Flagge zeigen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. In einer Zeit, in der viele Etablierte Sicherheit und Komfort suchen, indem sie Politik meiden und klare Stellung beziehen brauchen wir mehr Verbündete wie Lewis Hamilton die ihre Plattform dazu nutzen um auf Rassismus-Probleme aufmerksam zu machen. Wir Sportler spielen eine besondere und wichtige Rolle beim sozialen Wandel. So wie mein Lieblingshistoriker Howard Zinn einst sagte: „Man kann nicht neutral sein auf einem fahrenden Zug“ um angekommen an der Endstation zu fragen wie man bloß hier hingekommen sei. Sport hat die Macht, Menschen zu inspirieren, sie zusammenzubringen, das was sie machen zu verbessern und ihnen eine Vision zu geben. In dieser Zeit können wir uns nicht erlauben neutral auf dem fahrenden Zug zu sein. Leaders lead – und dazu müssen wir jede Plattform  nutzen.

 

Zur Person:

Dr. Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren und Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und International Relations in den USA, Belgien und Bonn. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) sowie Junioren-Nationalspieler Deutschlands. Er ist Gründer des interkulturellen Vereins „Hockey is Diversity e.V.“

Von 2015 bis 2018 arbeitete er als Deputy Sport Manager für Eishockey und Para-Eishockey im Organisationskomitee der Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2018 in Südkorea.

 

Weitere Informationen:

www.hockeyisdiversity.de

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On März 20, 2020
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