Felix Gottwald: „Es sind die kleinen Schritte, die den Unterschied machen.“

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18.12.2019

Sie sind seit 2013 Botschafter bei Laureus Sport for Good. Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Laureus Botschafter?

Felix Gottwald: Die Zeit verfliegt, während wir das Richtige tun. Ich versuche mich natürlich persönlich und mit meinem Namen als Marke einzubringen, um Laureus Sport for Good dabei zu unterstützen, mehr Menschen über die Stiftungsarbeit aufzuklären. Ich liebe es, bei den sozialen Sportprojekten vor Ort dabei zu sein. Dort sehe ich, was die Arbeit wirklich bewirkt. Es ist spannend zu beobachten, was der Sport imstande ist zu leisten. Vor allem in punkto Entwicklung der Kinder und deren soziale Kompetenzen. Letztes Jahr waren wir mit schwer beeinträchtigten Kindern Ski fahren, die sonst keine Chance gehabt hätten, diese Erfahrung zu machen. Dabei bekommen sie die volle Aufmerksamkeit der Trainer, sind Teil der Gruppe und können mit uns den Berg erleben. Sie bekommen ein Gefühl dafür, wie es ist, sich in die Kurve zu legen und den Schnee ins Gesicht zu bekommen. Es zeigt, dass die Dinge, die für uns vermeintlich normal sind, nicht selbstverständlich sind. Ich würde meine Rolle als Botschafter als sehr lebendig bezeichnen.

Gibt es bestimmte Werte, die Sie den Kids vermitteln wollen?

Gottwald: Ich glaube, es wird der Arbeit von Laureus Sport for Good und der als Botschafter nicht gerecht, auf zwei oder drei Werte reduziert zu werden. Es ist vielmehr eine Win-Win-Situation. Wir sind immer Vorbild durch Vorleben, die ganze Zeit. Ob wir es wollen, oder nicht. Und idealerweise leben wir mehr Brauchbares als Hinderliches vor. In der Lebensschule des Spitzensports lernte ich nicht nur auf Ziele hinzuarbeiten, denn: nicht die Zielerreichung per se macht uns glücklich, sondern die Entwicklung dorthin. Die Kinder in den Laureus Förderprojekten lernen, dass uns Gemeinschaft stärkt. Sie erleben, wenn wir uns selbst vertrauen, uns auch vertraut wird. Laureus Schirmherr Nelson Mandela hat es am besten auf den Punkt gebracht: „Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.“ Die Welt in uns und damit die Welt um uns herum.

Sie haben in Ihrem Blog einen gesellschaftskritischen Beitrag zur Doppelmoral des Dopings verfasst: Welche Bedeutung für die Gesellschaft kann Ihrer Meinung nach dem Sport zugerechnet werden?

Gottwald: Das Potential von Sport und Bewegung wird leider immer noch vernachlässigt und unterschätzt. Wenn wir gesellschaftliche Herausforderungen wie Gesundheit, Bildung oder Integration meistern wollen, ist es nur vernünftig, die Kraft des Sports zu nutzen. Es sind so viele Facetten, welche Sport und Bewegung abdecken können. Bewusst negativ formuliert heißt das: Nach einer Stunde Bewegung an der frischen Luft geht es uns nur ganz selten schlechter. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die eine schädliche Wirkung von Bewegung auf die geistige Entwicklung nachweist.
Ich vertraue darauf, dass, wenn wir Menschen gut mit uns selbst in Kontakt sind, wir auch mehr vom nützlichen und nährenden tun und weniger vom schädlichen. Wenn wir uns hingegen betäuben, ignorieren oder sabotieren, tun wir das auch auf eine Weise mit unserer Umgebung. Der erste Schritt ist immer der näher zu uns selbst. Die Idee der Abkürzung, wie zum Beispiel durch Doping, ist natürlich gelernt. Aber die gute Nachricht ist: Es geht nie gut aus. Weder in der Wirtschaft noch im Sport. Ich stehe für gesunden Erfolg. Das Gegenmodell wäre „Erfolg um jeden Preis“. Wer sich dafür entscheidet, wird auch den Preis dafür bezahlen.

Also kann Sport als Vorbild für die Gesellschaft dienen?

Gottwald: Sport ist für viele noch zu abschreckend. Bewegung ist für die breite Masse als Wort und Auftrag eher zutreffend. Wir sind immer Vorbild durch vorleben. Durch Sport und Bewegung können wir dem Ausdruck verleihen. Wir haben ja unabhängig des digitalen Zeitalters, immer noch einen Bewegungs- und keinen Sitzapparat!
„Gehen statt Scoutern“ ist der Trend für all jene, die einen Beitrag leisten wollen in Richtung Gesundheit und nicht in Richtung Krankheit!

Sie haben mal gesagt, dass ein Miteinander wichtiger ist als sportliche Konkurrenz. Lässt sich dies auch auf die Gesellschaft anwenden?

Gottwald: Ich glaube, dass es eine Steigerungsstufe vom Miteinander gibt: das Füreinander. Füreinander da sein. Da ist mehr denn je dran. Die große Verlockung ist, dass wir versuchen im Außen etwas zu bewerkstelligen, was in uns selbst beginnt. Es ist ein Prozess, bedarf viel Übung, Echtheit und Committment.

Wir brauchen ein tieferes Verständnis für uns selbst, wie wir in gewissen Situationen über uns selbst denken und deshalb handeln oder eben nicht handeln. Für mich deckt das der „Kreations-Modus“ gut ab. Es gibt den „Reaktions-Modus“ und den „Kreations-Modus“. Die Kreation zeigt, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten selbstbestimmt agieren, wir uns selbst und damit andere verstehen und auf dieser Grundlage Vereinbarungen treffen.
Dabei Lösungen auf spielerische Art und Weise zu suchen und umzusetzen ist der rote Faden des Kreierens.
Der „Reaktions-Modus“ übernimmt immer dann das Steuer, wenn wir uns fremdbestimmt durch den Alltag schleppen, immer und gegen alles in Widerstand gehen, stets rechthaben wollen und unentwegt kämpfen. Die Politik ist ein gutes Negativ-Beispiel, wie effizient gegeneinander zu kämpfen ist. Der Sport steht für mich für Kreation. Und ja, auch ich habe mir viele Siege erkämpft, wenngleich jene, die mein Herz und die Herzen anderer berührten, ausnahmslos im spielerischen Modus möglich wurden.
Die Arbeit von Laureus Sport for Good legt genau darauf ihren Fokus. Ich bin froh, Teil der Laureus-Familie zu sein und meinen Beitrag leisten zu können und zu dürfen.

Sie sind der erfolgreichste österreichische Sportler der Olympischen Spiele mit sieben Medaillen, davon dreimal Gold. In einem Ihrer Blogeinträge sagen Sie: „Meine Medaillen haben mein Leben in andere Bahnen gelenkt als es ohne sie verlaufen wäre“, was genau meinen Sie damit?

Gottwald: Der Sport war eine Lebensschule für mich. Die Olympischen Medaillen waren wie eine nicht zu verhindernde Folge auf dem Weg, den ich gegangen bin. Über den Tag, an dem ich Olympiasieger wurde, habe ich ein ganzes Buch geschrieben. Morgens bin ich aufgewacht und dachte mir, dass ich eigentlich schon Olympiasieger bin. Ich bin den ganzen Weg, mit allem was ich leisten kann, schon gegangen. Bedingungslos. Der Weg und die Entwicklung dorthin sind das Wertvollste. Es fehlte dann nur noch die Umsetzung. Ich dachte, dass die Zeit reif ist und dann ist es mir auch gelungen. Das war wahrscheinlich einer meiner Siege, der mir am leichtesten von der Hand gegangen ist. Gleichzeitig war der Spitzensport aber nur die Vorbereitung darauf, was ich jetzt mache. Und das, was ich jetzt mache, ist wiederum nur die Vorbereitung auf das, was in Zukunft kommen mag. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, die Zukunft noch nicht. Unser aller Aufgabe ist zu gestalten, zu kreieren. Diese Aufgabe bedingt, dass wir den heutigen Tag, den Augenblick entsprechend nutzen.
Sport, Bewegung und die Natur sind immer der direkte Weg in die Präsenz und genau dort passiert Entwicklung.
Unsere Erfolge, Medaillen sind immer nur eine Folge aus dem Weg, den wir gegangen sind. Die Zielerreichung macht uns nicht per se glücklich, sondern der Weg dorthin macht uns glücklich.

Es heißt „Weltmeister ist man immer nur bis zur nächsten WM, Olympiasieger bleibt man ein Leben lang.“ Stimmt das?

Gottwald: Das ist eins von diesen Mantras aus der Sportwelt, die sich etabliert haben. Die Frage ist: Was bleiben wir ein Leben lang? In meiner Welt möchte ich ein Leben lang im Aufbruch bleiben. Wenn jemand zu mir sagt „Bleib wie du bist“, ist das die größte Strafe für mich. Ich möchte nicht so bleiben wie ich bin. Ich möchte mich jeden Tag und mit allem was ich tue, weiterentwickeln.

Gibt es Unterschiede zwischen der ersten und der letzten Olympischen Medaille?

Gottwald: Die erste Olympische Medaille war bei meinen dritten Olympischen Spielen in Salt Lake City, worauf Franz Klammer mich höflich darauf hinwies, dass auch nach drei Bronze Medaillen immer nur die Goldene zählt. Die letzte Goldmedaille war in Vancouver, die war schon speziell. Da hatte ich meine Karriere schon einmal beendet und wieder aufgenommen, und wir haben im Team wieder Gold gewonnen. Natürlich möchte ich keinen dieser Erfolge missen, steckt doch hinter jedem Erfolg ein entsprechender Erfahrungsweg.

Man gewöhnt sich aber nicht an die Medaillen?

Gottwald: Nein und das weiß keiner besser als der Athlet selbst. Wir können viele Faktoren beeinflussen, viele aber auch nicht. An dem Wettkampftag müssen dann viele, wenn nicht alle Faktoren zusammenpassen. Es gehört immer wieder viel Glück dazu. Nicht alles kann geplant werden. Die bestmögliche Vorbereitung, hilft dem Glück ein kleines bisschen auf die Sprünge. Die Golfer sagen dazu: ´The more you train, the luckier you are´;)

Sie haben 2007 Ihre Karriere beendet und 2009 dann ein sehr erfolgreiches Comeback gestartet. Was hat Sie dazu bewogen noch einmal so aktiv in den Leistungssport einzusteigen?

Gottwald: Es hat sich ein Gedanke in mir festgesetzt, der mich nicht mehr losgelassen hat. Ich musste es einfach ausprobieren. Also habe ich geschaut, ob der Gedanke verschwindet, wenn ich mich für einige Wochen wieder wie ein Profisportler verhalte. Ich habe zwei bis drei Mal am Tag trainiert, bei jedem Wetter. Doch der Gedanke wollte nicht verschwinden. Folglich habe ich überlegt, unter welchen Voraussetzungen ich den Gedanken freudvoll umsetzen kann. Schnell habe ich erkannt, dass ich dafür ein kleines, vertrautes Team brauche. Die Entscheidung war getroffen: Ich würde für ein oder maximal zwei Jahre in den Spitzensport zurückkehren.

Also war es die richtige Entscheidung, nochmal anzufangen?

Gottwald: Ja, vor allem, weil ich in diesen zwei Jahren nochmal sehr viel dazu gelernt habe. Es waren Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. In den zwei Jahren habe ich es nicht mehr hinbekommen, mir konkrete Ziele zu setzen. Das hat mich sehr verwundert. Im Nachhinein wurde mir klar, dass diese Ziele mich lediglich limitiert hätten. Zum Beispiel habe ich mich in der letzten Saison an der Schulter verletzt. Diese Zeit, in der ich meinem Körper die Chance gegeben habe, sich selbst zu heilen, hätte ich nie als Ziel aufgeschrieben. Doch diese intensive Zeit der Rekonvaleszenz war unglaublich wertvoll für mich selbst. Nur drei Wochen nach dem Bruch des Schulterblatts wieder zu gewinnen, war schon speziell.

Sie trainieren mit den Menschen aus den unterschiedlichsten Unternehmen, geben ihre Erfahrungen in Vorträgen und Workshops weiter. Sind es Werte aus dem Sport, welche gerade für die Wirtschaft bedeutsam sind?

Gottwald: Ich stehe für gesunden und freudvollen Erfolg. Ich sehe mich als Trainer für den eigenen Antrieb. Jedes Unternehmen trifft täglich unzählige Entscheidungen. Dabei treffen sie auch eine Entscheidung für motivierte Mitarbeiter oder aber für begeisterte Botschafter. Für eine Belegschaft, die miteinander arbeitet oder ein Team, das füreinander da ist. Für Angestellte die Veränderungen mittragen oder Menschen, die Entwicklung gestalten.
Jeder von uns kann sich um eine ausgeglichene Work-Life-Balance kümmern oder aber um Erfüllung. Gute Ergebnisse und gesunder und freudvoller Erfolg bedingen in meiner Welt einander. Dahingehend versuche ich mit meiner Arbeit Menschen einzuladen, zu bestärken, zu ermutigen und im besten Fall zu inspirieren.

Welchen Beitrag kann jeder Einzelne von uns leisten, um die Welt ein bisschen besser zu machen?

Gottwald: Die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall sagt es so schön: „Jeder hat jeden Tag die Chance, einen Unterschied zu machen.“ Ich glaube, wir können diese Herausforderung nur bewältigen, wenn wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern bei uns selbst anfangen. Wir fühlen uns solange so klein, bis wir verstehen, dass die größte Wirkung aus der kleinen Zelle heraus entsteht. Wenn wir einen Stein in einen See werfen, ist der Impact des Steins das, was die Wellen auslöst. Wenn du aber den eigenen Stein nie wirfst, kannst du auch im Außen nichts verändern. Das heißt, wir können nur anfangen etwas zu bewirken, wenn wir behutsam und geduldig sind und dranbleiben. Jeder auf seinem Feld mit seinen Möglichkeiten. Dann sind wir auch wieder Vorbild durch Vorleben. Dazu zitiere ich unser Laureus Academy Mitglied Mike Horn: „Gib nie weniger als dein Bestes, denn du könntest mit deinem Tun jemand anderen inspirieren.“ Und wenn wir so durch das Leben gehen, leisten wir schon einen Beitrag. Ich glaube die Kunst ist, sich nicht kleiner zu machen als wir sind, sondern wirklich daran zu glauben, dass jeder von uns der Auslöser einer Bewegung ist. Wenn jeder in seinem eigenen Wirkungsfeld einen Unterschied macht, können wir auf einer grundsoliden Basis aufbauen. Greta Thunberg ist ein gutes Beispiel dafür, was ein einziger Mensch bewegen kann. Laureus Sport for Good ist es auch.

Also muss jeder in sich selbst mit der Veränderung beginnen.

Gottwald: Es geht ums tun und ums dranbleiben. Das ist das sportliche Prinzip von Training und Entwicklung. Die Wiederholung ist die Mutter aller Fähigkeiten! In diesem Sinne: Viel Freude beim Üben und Weiterüben.

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On Dezember 18, 2019
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