Julia Dujmovits: „Das Entscheidende ist, dass man den Mut hat, anders zu sein“

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09.06.2019

Frau Dujmovits, Sie bezeichnen sich gerne selber als weltoffen und probierfreudig –perfekte Voraussetzungen für die Integration in das 4GAMECHANGERS-Festival?

Julia Dujmovits: Mich hat es schon immer fasziniert, neue Dinge auszuprobieren, Visionen zu haben und diese mit Mut zu verfolgen. Nur so ist es möglich etwas zu erschaffen, das es vorher noch nicht gegeben hat und genau dort entwickelt man sich schließlich weiter. Bei einem Event wie diesem ist es schön zu sehen, dass es so viele Jugendliche, beziehungsweise zum Glück auch Erwachsene, gibt, die weiter denken und versuchen, Neues zu kreieren und den Raum zu schaffen, um zusammenzukommen.

 

Sie sind sehr vielseitig. Obwohl Sie für den Schnee und das adrenalinvolle Snowboarden bekannt sind, lieben Sie Hawaii und Yoga. Was gibt Ihnen diese Balance?

Dujmovits: Für mich ist dieser Ausgleich extrem wichtig und ich habe dadurch gelernt, meinen Zustand bewusst zu steuern. Dadurch habe ich neue Möglichkeiten: Ich kann bewusst energetisch, kreativ und aktiv sein oder mich erden und auf den Boden bringen. Yoga ist ein Tor dazu, sich vor allem Letzteres anzueignen und hilft mir, mich selbst besser kennenzulernen. Leistungssport ist eben das andere Extrem. Diese beiden Seiten zu kennen und zu beherrschen ist das, was mich fasziniert. Das Ganze lässt sich dann natürlich auch vom Sport in die Gesellschaft übertragen und im Alltag anwenden. Im Endeffekt ist es unsere Verantwortung, mit seinen eigenen Gedanken das Beste zu kreieren und darauf acht zu geben, was man denkt und wie man denkt.

 

In Ihrem Heimatort ist die größte Erhöhung gerade einmal 228m hoch – wie sind Sie zum Snowboarden gekommen?

Dujmovits: Ich habe schon immer die Natur geliebt, war als Kind viel draußen und habe die verschiedensten Sportarten gemacht – das war die Basis für meinem Erfolg. Als ich dann das Snowboarden für mich entdeckt habe, hatte ich natürlich nicht so viele Schneetage wie andere, aber ich habe dafür körperlich so viele Grundlagen aus anderen Sportarten mitgebracht, dass ich schnell ins Umsetzen gekommen bin. Jeder Tag am Berg war dann etwas Besonderes. Als ich dann auch noch Erfolg hatte und relativ schnell in den Kader aufgenommen wurde, habe ich mich für diesen Weg entschieden. Mit elf Jahren habe ich dann zwanzig Stunden die Woche trainiert und habe mich eben auch im Sommer – ohne Berg – auf den Winter vorbereitet, anstatt mit Freunden baden zu gehen. Das war eine klare Vision von mir. Das Entscheidende ist einfach, dass man den Mut hat, anders zu sein und anders zu denken, egal was andere tun.

 

Quelle: Philipp Steurer

Wann haben Sie das allererste Mal auf einem Snowboard gestanden?

Dujmovits: Mein allererstes Snowboard habe ich mit sieben zu Weihnachten bekommen. Ich hatte mich auf der Piste in den Sport verliebt und wollte es unbedingt lernen. Nichtsdestotrotz habe ich auch noch Jahre später, während den Olympischen Spielen 1998 in Nagano, nur die Ski-Disziplinen geschaut, obwohl Snowboarden dort das erste Mal olympisch war. Wir waren gerade im Familienurlaub in Flachau, der Heimatstadt von Hermann Meier, als dieser zwei Goldmedaillen gewann. Ich erinnere mich noch genau, wie ich nachts um zwei aufgestanden bin, um die Wettkämpfe begeistert zu verfolgen. Das war mein erster Kontakt zu den Olympischen Spielen und obwohl ich so jung war, wusste ich genau, dass ich auch irgendwann teilnehmen und vor allem gewinnen möchte. Zu dieser Zeit hat sich mein Traum von Olympiagold gefestigt.

 

Der Sport ist in allen Teilen Ihres Lebens zu Hause. Welche Vorteile sehen Sie darin abgesehen von der körperlichen Fitness?

Dujmovits: Für mich ist es faszinierend, was man mit Sport vor allem mental erreichen kann. Zum Beispiel was Durchhaltevermögen bedeutet, um nach einer schweren Verletzungen wieder den Anschluss an die Weltspitze zu finden. Verletzungen sind für mich so etwas wie eine Art Wegweiser. Sie fordern einen auf, stehenzubleiben und zu reflektieren. Meiner Meinung nach gibt es Momente, die einem nur der Sport geben kann. Für mich persönlich war es die Erfüllung meines zweiten großen Traumes: Ich wollte schon immer in Alaska Heli-Boarden gehen. Unbefahrene Hänge, im 65 Grad Winkel Richtung Tal hinab. Wenn man dort oben steht überlegt man sich wirklich sehr genau, wo man welchen Schwung macht. Man braucht so ein tiefes Vertrauen in sein eigenes Können und in Alles, was einen umgibt. Wenn man dann losfährt, ist man in einem vollkommenen Zustand, der fast unmöglich in anderen Teilen des Lebens zu erreichen ist. Solche Momente sollte man sammeln, konservieren und so eine Welt kreieren, die andere und einen selber herausfordert und begeistert. Dafür steht Sport für mich. In Verbindung mit der Natur trägt es meiner Meinung nach zu einer Art Selbstheilung bei. Denn nur wenn man im tiefsten Innern mit sich selbst verbunden ist, schafft man Einzigartiges. Auf den Leistungssport übertragen, heißt das für mich: Es gibt kein Glück, es gibt kein Pech – das macht es so spannend. Ein falscher Gedanke vor dem Start und man hat bereits verloren, denn jede hundertstel Sekunde ist abhängig vom eigenen Mindset. Wer sich selbst kennt, merkt jeden falschen Gedanken, jede Verunsicherung, die der Gegner in einem auslöst. Lernt man bewusst mit diesen Herausforderungen umzugehen, kann man seinem Selbstbewusstsein mit jeder Sekunde beim Wachsen zusehen.

 

Sie selbst sind der beste Beweis. Mit der Chance auf Ihren größten Erfolg, jedoch 0,75 Sekunden hinter Ihrer Konkurrentin, konzentrierten Sie sich auf das „Vertrauen in die eigenen Stärken“ anstatt auf Ihre Gegnerin und holten das lang ersehnte Olympia-Gold. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Dujmovits: Ich habe schon morgens gespürt, dass ich auf Sieg fahre. Bei der WM ein Jahr zuvor bin ich Zweite geworden. Ich hatte mich so sehr darüber gefreut ins große Finale einzuziehen, dass ich in diesem Moment meine Spannung verloren habe. Es war mein erster Erfolg bei einem großen Event und ich war einfach zufrieden mit einer Medaille. Aus diesem ‚Fehler‘ habe ich gelernt und wollte es in Sotschi anders machen. Für mich gab es dort nur gewinnen oder verlieren, denn Olympiagold war mein Kindheitstraum. Selbst über Silber wäre ich extrem enttäuscht gewesen. Als meine Gegnerin sich, ähnlich wie ich selbst ein Jahr zuvor, sehr über den Finaleinzug gefreut hat, wusste ich, dass ich es schaffen kann. Dann folgte ein Traumlauf: Ich war zwar bei einigen Toren am Limit, aber alles in allem hatte ich immer die Kontrolle, worauf ich besonders stolz bin. In so einem Moment bei sich selbst zu bleiben, auf seine Stärken zu vertrauen, alles andere auszublenden und erst aus der Anspannung heraus zu kommen, wenn das Rennen vorbei ist, entscheidet über den ersten oder zweiten Platz.

 

Im Gegenzug gab es in Ihrem Leben ein Erlebnis – so schrecklich, dass es kaum in Worte zu fassen ist. Sie haben 2000 bei der Brandkatastrophe der Gletscherbahn in Kaprun 2 ihre Freunde verloren und waren selbst vor Ort. Damals wollten Sie mit dem Snowboarden aufhören – was hat Sie motiviert, doch weiterzumachen?

Dujmovits: Das war definitiv die schwierigste Zeit meines Lebens. Diese Jungs, mein Team, haben mich immer auf eine gewisse Weise getragen. Sie waren wie große Brüder für mich und der Leistungssport war unser gemeinsamer Traum. Wir wollten, eben aus dem Flachland stammend, im Wintersport zu Profis werden. Ich habe immer versucht, so schnell zu sein wie die Jungs, was vermutlich dazu beigetragen hat, dass ich besser wurde als andere Mädchen. Der Tag des Unglücks hat dann alles verändert. Für mich war der Snowboardsport gestorben – ich konnte mein Board nicht mal anschauen. Die Erinnerungen waren so heftig, dass ich nie wieder snowboarden wollte. Ein paar Monate später bin ich gemeinsam mit meinem Bruder das erste Mal nach Kaprun gefahren, um mich dem Gletscher wieder anzunähern. Das war der erste Schritt zurück. Der Sport hat mir im weiteren Verlauf sehr geholfen, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Ich konnte mich und meinen Körper wieder fühlen und konnte vor den schlimmen Gedanken Abstand nehmen. Es war ein langer Prozess, bis ich letztendlich wieder Spaß am Snowboarden hatte . Allerdings war Aufgeben nie eine Option, da der Sport genau das war, was uns verbunden hatte. Ich wollte diese Leidenschaft für uns alle leben und war mir sicher, dass meine Freunde mich ebenfalls auf einem Snowboard sehen wollten. Mit diesem Mindset bin dann ziemlich schnell in die unterschiedlichen Teams aufgestiegen. Es war wichtig, dass ich mich auf das Wesentliche konzentriert und mir Zeit gelassen habe. Manchmal muss man eben auch dorthin schauen, wo es wehtut, sonst entwickelt man sich nicht weiter. Sotschi war der Moment wo ich endlich frei war. Ich habe immer gewusst, wenn ich die Kraft, die ich vor Kaprun hatte, wiedererlange, kann ich alles gewinnen. In dem Moment schien es für mich das erste Mal so, dass alles was passiert ist, genau richtig war, wie es passiert ist. Natürlich hört sich das schlimm an, aber es ist eben auch wichtig zu akzeptieren, dass ich nichts hätte ändern können. In Sotschi habe ich endlich meinen Frieden mit meinem Schicksal geschlossen und gespürt, dass mich mein Team unterstützt und mit mir gewonnen hat. Ich hatte sie immer in meinem Herzen, sie waren die Wegbegleiter, die mir die Kraft gegeben haben immer weiter zu machen.

 

Sie betonen immer wieder die Stärke des Mindsets. Laureus Sport for Good versucht Kindern Werte mit auf den Weg zu gegeben, die dieses stärken sollen.  

Dujmovits: Ich bin als Kind mit Sport groß geworden und habe dadurch so viel lernen dürfen, was mir im Leben weiterhilft. Dabei sind Teamsportarten genauso wichtig wie Einzelsportarten – man schafft sich einfach eine Basis. Deshalb sind die von Laureus transportierten Werte so wichtig, vor allem der Respekt. Respekt gegenüber allen, die gemeinsam an einem Ziel arbeiten, beziehungsweise Respekt der Natur und Kulturen gegenüber, in denen man sich bewegt. Als Sportler ist man viel unterwegs und der Respekt spielt eine riesengroße Rolle. Gleichermaßen braucht man Respekt vor dem Gegner. Egal ob man gewinnt oder verliert. Das ist das allerwichtigste, denn wir pushen uns gegenseitig an Limits, die wir alleine nie erreichen könnten. Somit sollte man immer dankbar sein für jeden, der einen auf seinem Weg begleitet.

 

Was ist Ihre Message an die Kids, wenn Sie ein Laureus Förderprojekt besuchen?

Dujmovits: Die Kids sollen Träume haben, die so groß wie möglich sind und Begeisterung in ihnen wecken. Sie sollten das machen, was ihnen ihr Herz sagt. Und wissen, dass es in Ordnung ist, anders zu sein, wenn man eine Vision und einen Traum hat.

 

Wie versuchen Sie diese Werte Kindern, welche meist sehr konkurrierend veranlagt sind, beizubringen?

Dujmovits: Grundsätzlich ist es in einem gewissen Alter wichtig, dass man ein wenig die Konkurrenz sucht, denn nur so werden Grenzen ausgetestet. Kinder können dabei gut akzeptieren, dass sie mal gewinnen und mal verlieren. Es ist also nur wichtig, einem Kind die Möglichkeit zu geben, in einer Sache gut zu sein oder zu werden. Dadurch erkennen sie, dass es normal ist, unterschiedliche Fähigkeiten, Stärken oder Schwächen zu haben. Es ist im Leben aber auch wichtig, Grenzen zu erfahren, denn so ist die Realität. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, den Kindern zu lehren, dass sie sich so akzeptieren können, wie sie sind – und das zu hundert Prozent!

 

Warum ist vielleicht auch gerade der Sport ein so wichtiges Tool, um das Leben eines Einzelnen und dadurch vielleicht auch die ganze Welt zu verändern?

Dujmovits: Für mich sind es die Verbindungen, die der Sport schafft: zu einem selbst, zu seinem Körper und zu seiner Umgebung. Jeder Mensch sollte seinen Körper hundertprozentig spüren können und wissen, wie sich beispielsweise ein Puls von 190 anfühlt. Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen, damit man diese erforschen und sich selbst weiterentwickeln kann. Gerade die Olympischen Spiele haben so eine faszinierende Geschichte, die zeigt, wie der Sport Menschen verbinden kann. Wenn Sport draußen stattfindet, kommt zusätzlich die Verbundenheit mit der Natur hinzu. Wer sich selbst und seine Umgebung nicht mehr spürt, wird sein Gleichgewicht verlieren. Sport ist ein geniales Tool, um das eigene Leben auszubalancieren. Sport hat die Kraft Menschen zu begeistern und somit die Chance, die Welt zu verbessern.

 
Titelbild: Laureus

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On Juni 9, 2019
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