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19|01|2012

Im Rollstuhl aus der Verbannung

 

Eine Landstrasse nahe Jodhpur, Rajasthan. Rostroter Fels, Schotter, dürre Büsche. 52 Grad im Schatten, heiss der Wind, staubig die Luft. Erst ist es nur ein kleiner, dunkler Fleck über dem flimmernden Asphalt. Erst langsam erkennt man einen Mann auf einem dreirädrigen Gefährt. Der Mann trägt einen Helm und hämmert mit seinen bandagierten Händen in die Räder, hämmert, hämmert. Ein Mopedfahrer hält an und steht mit offenem Mund. Ein Mann ohne Beine? In einem grotesken Gefährt? Hier draußen? Schon schiesst er vorbei mit surrenden Speichen in seinem gelben Rollstuhl mit der Nummer 43 und der Aufschrift „Top End Eliminator OSR“

 

Janak Singh, 29, dreht noch ein paar Runden, dann klettert er aus dem Rollstuhl, legt die knochigen, verkrüppelten Beine über Kreuz und erzählt seine Geschichte. Er ist drei, als er Fieber bekommt. Ein Doktor spritzt ein Medikament. Das Fieber geht zurück. Doch nun kann Janak seine Knie nicht mehr beugen. Polio ist damals in ländlichen Gebieten weit verbreitet, die Mehrzahl der mindestens 90 Millionen behinderten Inder leiden unter den Folgen von Kinderlähmung. Auch Janaks Beine verkümmern, bald kann er sich nur noch kriechend fortbewegen. Niemand im Dorf will mit ihm spielen, zu Familienfesten wird er nicht eingeladen. Man nennt ihn „Langdu“ oder „Khordia“, Worte, die er nicht übersetzen will. „Behinderte“, wird Sneh Gupta später sagen, „stehen in Indien noch unter den Unberührbaren, der niedrigsten Kaste.“

 

Rajasthan im Nordwesten Indiens. Karges, strukturschwaches, von althergebrachten Traditionen geprägtes Land. In Rajasthan bleibt in sieben von zehn Jahren der Monsun aus. Bauern ernten bestenfalls einmal im Jahr. Das Leben ein endloser Kampf, begleitet von Dürren und immer wieder kehrenden Hungersnöten. In dieser Welt gelten Behinderte als wertlos. Jede Investititon in ihre Bildung wird als Verschwendung angesehen, weil ihnen niemand Arbeit geben würde. Man versteckt sie, sperrt sie ein, kettet sie an. Behinderte sind ein böses Omen, ein Fluch, bringen Unglück. So wie er, Janak Singh, Sohn eines mittellosen Bauern aus dem Dorf Sarecha am Rande der Thar-Wüste, in dem es keinen Strom und keine Kanalisation gibt. Wo die Menschen glauben, wenn Schwangere einen Behinderten berühren, bringen sie einen Krüppel zur Welt. Und die Kakteen vor ihren Hütten sind für sie Wiedergeburten verlorener Seelen, die für die Verfehlungen früherer Leben büßen.

 

1991. Der Universitätsprofessor Dr. Narayan Singh, der bereits ein Entzugsprogramm für Opiumabhängige leitet, gründet in Manaklao, 28 Kilometer nördlich von Jodhpur, eine Schule für Behinderte: Sucheta Kriplani Shiksha Niketan (SKSN). Die erste Klasse besteht aus 20 Jungs, die unter einem Baum unterrichtet werden, in einem Zelt schlafen, im Freien essen und keine Toilette haben. Zwangzig Jahre später besteht SKSN aus einem Dutzend grau und rot bemalter, klobiger Flachbauten samt Tempel, Sportplatz und Gemüsegarten. 500 Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis 18 Jahren werden unterrichtet und beherbergt. Es gibt 14 Klassen, 28 Schlafräume für Jungs, 22 für Mädchen, zwei Küchen, Workshops für Metallverarbeitung, Schneiderei und Weben.

 

Geleitet wird die Schule von Dr. Bairoon Singh Bhati, Nayramans ältestem Sohn. Mister B., wie ihn alle nennen, der Sozialarbeit studiert hat, verzichtete für SKSN auf eine lukrative Karriere im Staatdienst. Nun muss er pausenlos um Spenden kämpfen. Die Regierung Rajasthans trägt nur 80 Prozent der Gehälter der Lehrer, zahlt etwa 12 Euro monatlich pro Kind für Verpflegung, Kleidung, Medizin und Energiekosten. Nicht genug. „Ohne Menschen wie Karin“, so Mr. B., „wären wir verloren.“ Über seinem Schreibtisch hängt ein Bild von ihr, gleich neben dem einer hinduistischen Gottheit: Karin Demuth, die 1996 eine Dokumentation über SKSN im Fernsehen sah und das Projekt seither mit ihrer Indienhilfe e.V unterstützt. Das Geld für den erste Wohn- und Schulgebäude kam von Demuth, die das Bayerische Fernsehen überzeugte, in der Sendung „Sternstunden“ zu berichten; 100000 Euro Spenden kamen dadurch zusammen.

 

Mr. B., 37, ist ein grosser, imposanter Mann, das lange Haar und der buschige Schnurrbart von grauen grauen Strähnen durchzogen. Er hat bei SKSN von Beginn an großen Wert auf körperliche Ertüchtigung gelegt. Praktiziert wurden neben Kricket zunächst Kabbadi und Malkhamb, eine Mischung aus Akrobatik und Kampfsport. Bis eine Freundin von Mr. B., die Filmproduzentin Sneh Gupta, 2003 eine vermeintlich absurde Idee hatte. Warum nicht Behinderte mit Nicht-Behinderten Sport treiben lassen? Gupta: „So können beide Seiten soziale Barrieren abbauen, das Potenzial und die Grenzen ihres Körpers neu entdecken, sie können Verständnis und Respekt füreinander entwickeln, Freunde werden.“ 2004 startete Gupta in Manaklao die Indian Mixed Ability Group Events (IMAGE), die seit 2005 von der Laureus Sport for Good Foundation unterstützt werden.

 

Neun Uhr morgens. Morgengymnastik im Schulhof. Die Schüler der SKSN tragen graue Hosen, hellgraue Hemden. Die Schüler in rot-gelben Uniformen kommen von der staatlichen Schule der angrenzenden Dörfer. Hände hoch, Hände vor, Hände zur Seite. Behinderte klettern ein Seil und einen Pfahl nach oben. In einer Ecke des Schulhofs beginnen Behinderte und Nicht-Behinderte ein Volleyballspiel, in einer anderen spielen sie Kabbadi, dessen Ziel es ist, gegnerische Spieler zu fangen und zu Fall zu bringen. Im Gemeinschaftssaal Tischtennis. Der Junge mit Krücke gewinnt. Kuldeepsingh, 17, der nicht behindert ist und seit zwei Jahren zu den IMAGE-Terminen kommt, sagt: „Die Behinderten sind harte Arbeiter, total enthusiastisch, ihre Willenskraft ist beeindruckend.“ Amar, 17, ein Opfer von Polio auch er, meint: „Erst sagen sie: ‚Hey, ihr könnt nichts!’ Dann zeigen wir ihnen, dass wir einiges besser können als sie.“

 

Janak Singh, der Kricket liebt, kam 2002 nach Manaklao. In seinem Dorf verfolgte er die Matches stundenlang von der Tribüne aus. Alleine. Verspottet von den Spielern. Nun endlich durfte er mitmachen. Nicht nur beim Kricket. „Ich habe die Welt plötzlich mit anderen Augen gesehen“, sagt Janak, „jeder hier hat eine Behinderung, plötzlich war ich nicht mehr das einzige Wrack der Welt.“ Wenige Wochen später nahm ihn Mr. B. als einen von zehn Schülern mit zu den Mini Games in London, einer kleineren Version der Paralympics. Janak gewann Gold in fünf Wettbewerben. Als SNSK 2005 und 2006 die Indi Ability Games veranstaltete, eine Kopie der Mini Games, war Janak SKSNs Teamkapitän. „Wir brauchen mehr solcher Events“, sagt Tanni Grey-Thompson, Mitglied der Laureus Academy und elfmalige Goldmedaillengewinnerin bei Paralympics: „Wenn Behinderte Sport treiben, können sie sich und der Gesellschaft beweisen, dass sie konstruktiv, produktiv und erfolgreich sein können.“

 

Über Janak lachen sie schon lange nicht mehr. „Früher war er scheu, verängstigt“, erzählt sein Bruder Bhom, „jetzt nicht mehr, er war schon dreimal in London, die meisten Menschen aus unserem Dorf sind nicht mal über Jodhpur hinaus gekommen.“ Längst wird Janak von Verwandten und Nachbarn eingeladen. Und wenn es nach Mr. B. geht, könnte er schon bald ein Nationalheld sein. Obwohl er erst seit Februar mit einem wettkampftauglichen Rollstuhl trainiert, belegte er im Mai bei den britischen Meisterschaften Platz zwei über 400 Meter und Platz drei über 100, 200 und 5000 Meter. Nächstes Ziel: die Paralympics 2012 in London. Dafür trainert er täglich fünf Stunden in sengender Sonne auf der Landstraße. Dafür quält er sich täglich vier Stunden im Kraftraum. Mr. B. sagt: „Jeder, der etwas von der Materie versteht und ihn sieht, sagt: ‚Was für ein phänomenales Talent.’“

 

Das Problem ist ein anderes. Um professionell trainieren zu können, bräuchte Janak einen Trainer, einen massgefertigten Rollstuhl, müsste Wettkämpfe bestreiten, die überwiegend in Europa, USA und Australien stattfinden. Alleine ein Paar Handschuhe kosten umgerechnet 100 Euro, ein Satz Reifen mindestens das Doppelte. Mr. B. hat das Geld nicht. Sneh kommt mit ihren 20000 Euro von Laureus schon lange nicht mehr zurecht, inzwischen gibt es IMAGE an 18 Schulen für Behinderte in Rajasthan. Staatliche Sportförderung? Nicht hier. Indien ist das Land, das pro Einwohner (1,1 Milliarden) die wenigsten olymischen Medaillen (20 seit 1900) gewonnen hat, und das obwohl die Hälfte der Bevölkerung unter 25 ist.

 

Mr. B. hat es ausgerechnet. Umgerechnet 70000 Euro bräuchte Janak in den kommenden zwölf Monaten für Reisen, Unterkunft, Material. „Man muss sich nur vorstellen, was das für ein Symbol für das Land wäre“, sagt Mr. B., „ein Behinderter aus Nirgendwo gewinnt Gold für Indien, es könnte das Denken des ganzen Landes verändern.“

 

 

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Veröffentlicht: September 2009